Warum Kreislaufwirtschaft?
Die Kreislaufwirtschaft spielt eine grundlegende Rolle beim globalen Umweltwandel. Dieser Artikel behandelt die planetaren Grenzen und die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft im Vergleich zur linearen Wirtschaft, zeigt das Potenzial der Kreislaufwirtschaft für die Landwirtschaft und nennt einige praktische Beispiele zum besseren Verständnis.
Die Rolle der Land- und Ernährungswirtschaft im globalen Umweltwandel
Das Ernährungssystem befindet sich seit Jahrhunderten im Wandel. Während lange Zeit die Selbstversorgung dominierte, führte die zunehmende Marktorientierung ab dem 18. Jahrhundert und die Industrialisierung zu stark steigender landwirtschaftlicher Produktivität.
Fortschritte in Mechanisierung, Züchtung und Düngung sowie der Ausbau globaler Märkte verbesserten die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und trugen wesentlich zur Ernährungssicherheit vieler Gesellschaften bei. Doch der Preis dieses Erfolgs ist hoch: Die Intensivierung der Landwirtschaft ging mit erheblichen Umweltfolgen einher – darunter Biodiversitätsverlust, Gewässerverschmutzung, Bodenerosion und steigende Treibhausgasemissionen.
Seit den 1990er-Jahren versucht die Agrarpolitik, diesen Entwicklungen mit ökologischen Zielsetzungen entgegenzuwirken. Trotzdem bestehen zentrale Herausforderungen in den Bereichen Klima, Biodiversität und Rohstoffverbrauch fort.
Um die sogenannten planetaren Grenzen einzuhalten und wieder in einen sicheren Bereich zurückzuführen –sechs der neun Grenzen sind derzeit bereits überschritten –, braucht es neue Ansätze, die Produktivität zwar weiterhin sichern, aber gleichzeitig den Umweltimpact stark verringern. Hier kommt die Kreislaufwirtschaft ins Spiel: Sie bietet einen systemischen Rahmen, um Stoffströme zu schliessen, Abfälle zu vermeiden und Ressourcen effizienter zu nutzen. Organisationen wie die Circle Economy Foundation oder die Ellen MacArthur Foundation betonen das grosse Potenzial dieser Ansätze gerade auch für die Land- und Ernährungswirtschaft.
Grundprinzipien der Kreislaufwirtschaft
Die Kreislaufwirtschaft bildet das Gegenstück zur weltweit vorherrschenden linearen Wirtschaft.
Letztere beschreibt ein Wirtschaftssystem, in dem Ressourcen aus der Umwelt entnommen, zu Produkten verarbeitet und nach deren Nutzung meist als Abfall oder Emissionen in die Umwelt zurückgelangen.
Obwohl dieses System in vielen Regionen wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand gefördert hat, zeigt sich inzwischen deutlich, dass es nicht nachhaltig ist. Die damit verbundenen Umweltbelastungen und der Verlust wertvoller Ressourcen tragen dazu bei, dass aktuell sechs der neun planetaren Grenzen überschritten werden.
Im Gegensatz dazu verfolgt die zirkuläre Wirtschaft ein regeneratives und ressourcenschonendes Prinzip mit den folgenden Strategien (vgl. Abbildung):
- Verkleinerung: Reduktion des Material-, Ressourcen- und Energieeinsatzes durch Effizienzsteigerungen, optimierte Produktionsprozesse und sparsamen Verbrauch.
- Verlangsamung: Verlängerung der Lebensdauer von Produkten und Materialien.
- Schliessung: Sammlung und Rückführung von Materialien in den Wirtschaftskreislauf.
- Regeneration: Reduktion toxischer Substanzen, die verstärkte Nutzung erneuerbarer Materialien und Energie sowie der Einsatz regenerativer Alternativen.

«Die vier Flows der Kreislaufwirtschaft», eigene Darstellung in Anlehnung an Circle Economy Foundation (2023)
Potenziale der Kreislaufwirtschaft in der Land- und Ernährungswirtschaft
Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft lassen sich in der Land- und Ernährungswirtschaft anhand der vier vorhin genannten Strategien – Verkleinern, Verlangsamen, Schliessen und Regenerieren – besonders anschaulich verdeutlichen. Sie zeigen, wie sich zirkuläre Strategien entlang der gesamten Lebensmittelkette umsetzen lassen – von der landwirtschaftlichen Produktion über Verarbeitung und Handel bis hin zum Konsum.
Verkleinerung:
Durch eine bedarfsgerechte Produktion und einen bewussten Konsum kann der Ressourcenverbrauch erheblich reduziert werden. Beispiele sind die Bevorzugung saisonaler und regionaler Produkte zur Senkung von Energie- und Transportaufwand oder der Einsatz ökoeffizienter Technologien – etwa Smart-Farming-Lösungen –, die den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung pro produzierter Einheit deutlich verringern.
Verlangsamung:
Die Verlängerung der Nutzungsdauer von Lebensmitteln und Verpackungen steht im Mittelpunkt dieses Ansatzes. Beschädigte oder überschüssige Lebensmittel können weiterverarbeitet werden, beispielsweise zu Mus, Säften oder Suppen. Auch Mehrwegbehälter und Pfandsysteme im Take-away-Bereich tragen dazu bei, Produktlebenszyklen zu verlängern und Abfall zu vermeiden.
Schliessung:
Hier geht es um die Rückführung von Materialien in den Wirtschaftskreislauf. In der Ernährungswirtschaft geschieht dies etwa durch die Nutzung von Nebenprodukten als Rohstoffe in anderen Prozessen. Beispiele sind die Verwendung von Apfeltrester als Dünger oder die Weiterverarbeitung von Treber aus der Bierproduktion zu ballaststoffreichen Lebensmitteln. So werden Nährstoffkreisläufe geschlossen und der Bedarf an neuen Rohstoffen reduziert.
Regeneration:
Der regenerative Ansatz zielt darauf ab, natürliche Systeme zu stärken, statt sie zu erschöpfen. Regenerative Landwirtschaftsmethoden wie Agrarökologie, Biolandbau, Permakultur, Agroforstwirtschaft oder konservierende Landwirtschaft fördern Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Kohlenstoffbindung. Dadurch entstehen langfristig positive Umweltauswirkungen, die über blosse Schadensbegrenzung hinausgehen.

Weitere Beispiele bezüglich Verwertung von Nebenprodukten und Abfällen aus der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie finden sie hier (Nur auf Französisch): Star’Terre développe des outils spécifiques – StarTerre
Praxisbeispiele
Brauerei Locher
Die Brauerei Locher verwertet ihre beim Bierbrauen entstehenden Nebenströme weiter und entwickelt daraus gemeinsam mit dem Start-up Upgrain innovative Lebensmittel. Unter der Marke Brewbee entstehen heute Chips, Pizza oder Fleischalternativen – aus Biertreber, der früher vor allem als Futtermittel diente.


© brewbee
Circunis
Das Unternehmen Circunis hat eine digitale B2B-Plattform entwickelt, die Produzenten, Grosshändler und Gastronomiebetriebe miteinander verbindet, um überschüssige oder nicht normgerechte Lebensmittel weiterzugeben. Auf diese Weise werden Produkte, die sonst im Abfall landen würden, sinnvoll weiterverwertet.

Autor/innen
Laura Koller, Ostschweizer Fachhochschule
Redaktionelle Mitarbeit
Sanzio Rombini, AGRIDEA
Prof. Dr. Oliver Christ, Ostschweizer Fachhochschule
Quellen
Baumann, W. (2011). Agrarrevolution (Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.03.2011). Verfügbar unter: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013827/2011-03-23/
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Circle Economy Foundation. (2024). The Circularity Gap Report 2024 (Circle Economy Foundation & Deloitte, Hrsg.). Verfügbar unter: https://www.circularity-gap.world/2024
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Ellen MacArthur Foundation. (n.d.). What is the linear economy? Verfügbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/what-is-the-linear-economy
Ellen MacArthur Foundation. (n.d.). What is a circular economy? Verfügbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/topics/circular-economy-introduction/overview
Ellen MacArthur Foundation. (2021). The big food redesign: Regenerating nature with the circular economy. Verfügbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/resources/food-redesign/overview
Rachoud-Schneider, A.‑M., Leonhard, M., Schnyder, A., Baumann, W. & Moser, P. (2007). Landwirtschaft (Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.11.2007). Verfügbar unter: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013933/2007-11-19/
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